2 Der Unterricht im Fach Geschichte in den Jahrgangsstufen 5 bis 9 des Gymnasiums
2.1 Das Fach Geschichte im Lernbereich
Zentrales Merkmal des Faches Geschichte ist die Betrachtung menschlichen Handelns in der Zeit. Vergangenheit wird deutend (re-)konstruiert, einzelne Elemente des Vergangenen werden sinnvoll und nachprüfbar miteinander verknüpft.
Durch die Beschäftigung mit historischen Ereignissen, Personen, Prozessen und Strukturen können Schülerinnen und Schüler erkennen, dass vergangenes Geschehen mit ihrer Gegenwart zusammenhängt, auf ihr Leben einwirkt und für die Zukunft Bedeutung hat. Sie erhalten die Chance, heimisch zu werden in der Welt, in die sie hineingeboren werden und in der sie leben, indem sie diese Welt in ihrem Gewordensein verstehen lernen. Das Fach Geschichte erschließt aber auch ein durch viele Jahrhunderte entstandenes Reservoir menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns, das auch anderen Kulturen entstammt, und ermöglicht so die Erfahrung des Andersseins. Durch die Erkenntnis der Alternativen zum „Jetzt und Hier“ wird die historische Gebundenheit des gegenwärtigen Standortes erkennbar.
Vor dem Hintergrund solchen Wissens erwerben die Schülerinnen und Schüler die Fähigkeit, an der Gestaltung dieser Welt mitzuwirken, indem sie kritisch mit angebotenen Bewertungen umgehen, bewusst Bewährtes fortführen und Chancen der Erneuerung verantwortlich wahrnehmen.
So leistet das Fach Geschichte einen Beitrag zur Ausbildung der persönlichen Identität und zur sozialen Orientierung in der heutigen Zeit ebenso wie zur kompetenten Teilhabe an Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Es trägt - gemeinsam mit den Fächern Erdkunde und Politik/Wirtschaft - zur historischen, politischen und ökonomischen Bildung der Schülerinnen und Schüler bei.
2.2 Aufgaben und Ziele des Faches Geschichte
Die Beschäftigung mit politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, ökologischen und kulturellen Ereignissen, Prozessen und Strukturen der Vergangenheit hat zum Ziel, die Entwicklung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins zu fördern.
Der Begriff Geschichtsbewusstsein beschreibt die jeweilige Mischung aus Vergangenheitsdeutungen, Gegenwartserfahrungen und Zukunftserwartungen, wie sie Individuen und Kollektive herausbilden und entwickeln. Das vorhandene Geschichtsbewusstsein ist insbesondere charakterisiert durch die Ausprägung von Zeitbewusstsein („gestern – heute – morgen“), Wirklichkeitsbewusstsein („real – fiktiv“) und Historizitätsbewusstsein („statisch – veränderlich“).
Das angestrebte Geschichtsbewusstsein wird als reflektiert bezeichnet, um zu betonen, dass es sich seiner Standortgebundenheit und Perspektivität bewusst sein soll. Solches Geschichtsbewusstsein entsteht, wenn historische Sachverhalte zum Verständnis für Fragen der Gegenwart und im Blick auf zukünftige Entwicklungen herangezogen werden. Im Geschichtsunterricht geht es daher, aufbauend auf der Ermittlung von einzelnen Sachverhalten der Vergangenheit, um deren deutende Verbindung zu historischen Zusammenhängen (Sinnbildung über Zeiterfahrung).
Da die Schülerinnen und Schüler im Alltag mit vielfältigen Angeboten der Geschichtskultur konfrontiert sind, muss der Geschichtsunterricht neben der Befähigung zur deutenden (Re-)Konstruktion von Vergangenheit auch die Befähigung zur kompetenten und kritischen Teilhabe an der Geschichtskultur anstreben. Hierzu gehört neben Urteilsfähigkeit die (analytische) Kompetenz, vorliegende historische Narrationen auf in ihnen enthaltene Daten der Vergangenheit, Konstruktionsmuster, Bedeutungszumessungen und Orientierungsabsichten zu untersuchen („De-Konstruktion“).
Das Grundanliegen des Unterrichtsfachs Geschichte dokumentiert sich in den im Folgenden beschriebenen Zielen. Nach den Anbahnungen in der Grundschule verfolgt die Sekundarstufe I ihre Realisierung in zunehmender Differenzierung und mit zunehmendem Anspruchsniveau, sodass der Unterricht der gymnasialen Oberstufe darauf aufbauen und sie weiter entfalten kann.
Die Entwicklung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins wird gefördert, wenn der Geschichtsunterricht die folgenden Ziele bei den Schülerinnen und Schülern verfolgt:
- sich mit Neugier und innerer Anteilnahme fragend der eigenen Geschichte wie auch der Geschichte anderer Menschen und Kulturen zuwenden,
- ein Bewusstsein für die Unterscheidung von „real“ und „fiktiv“ entwickeln, die Merkmale historischer Zeit erfassen und Ereignisse grobchronologisch einordnen,
- verstehen, dass die Darstellung von Geschichte nicht einfach als Sammlung von Fakten anzusehen ist, sondern Fragen folgt, die aus der Gegenwart an die Vergangenheit gestellt werden und damit von jeweiligen Interessen abhängig sind,
- wissen, dass und wie eine Kenntnis der Vergangenheit über die Interpretation von Quellen und die Analyse von Darstellungen gewonnen werden kann,
- Kenntnisse und Vorstellungen von historischen Ereignissen und Strukturen methodisch geordnet aufbauen, historische Entwicklungszusammenhänge erarbeiten, historische Problemstellungen verstehen und sich mit ihnen auseinandersetzen,
- Geschichte als durch gesellschaftliche Bedürfnisse nach Selbstdeutung, Identifikation und Legitimation vermittelten (Re-)Konstruktionsprozess verstehen, der einer ständigen methodisch gesicherten Überprüfung bedarf,
- in historischen Darstellungen und Angeboten der Geschichtskultur enthaltene Elemente der Vergangenheit, Bedeutungszumessungen und Orientierungsangebote erfassen und prüfen,
- Erfahrungen vom Anderssein und Eigengewicht der menschlichen Vergangenheit machen und historische Phänomene im Kontext der jeweils zugehörigen Zeitumstände erklären,
- Sachverhalte nach ihrer Veränderlichkeit und Veränderbarkeit einschätzen,
- Perspektiven verschiedener Gruppen in unterschiedlichen Zeiten einnehmen, deren Selbstbilder erkennen sowie die unterschiedlichen Rollen von Frauen und Männern in historisch-politischen Prozessen reflektieren,
- unterschiedliche Herrschafts-, Rechts-, Wirtschafts- und Sozialstrukturen erfassen,
- sich kritisch mit historischen Sachverhalten und Deutungen auseinandersetzen und dabei die Differenz von gegenwärtigen und historischen Normen berücksichtigen,
- die eigene Lebenssituation als historisch bedingt erkennen, eine rational begründete eigene Position entwickeln und Handlungsperspektiven gewinnen, die gesamtgesellschaftlich verantwortet werden können.
