1 Aufgaben und Ziele des Französischunterrichts
Die politische, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung Europas stellt im Kontext der Erziehung zur Mehrsprachigkeit erweiterte Anforderungen an den Fremdsprachenunterricht und damit auch an den Französischunterricht in der Sekundarstufe I. Das Erlernen der französischen Sprache ist für Menschen der Bundesrepublik Deutschland von besonderer Wichtigkeit, weil sie Sprache des Nachbarlandes Frankreich ist, mit dem seit längerer Zeit ein besonders enges politisches, wirtschaftliches und kulturelles Verhältnis besteht. Frankreich ist der bedeutendste Handelspartner der Bundesrepublik Deutschland. Die französische Sprache ist ein wichtiger Bestandteil des europäischen Kulturerbes. Zudem ist es seit Jahrzehnten der erklärte politische Wille, auf der Grundlage des Deutsch-Französischen Freundschaftsvertrages die besonderen Beziehungen zwischen den beiden Partnern durch persönliche und institutionelle Kontakte zu pflegen und das Erlernen der Sprache des Partners zu fördern. Das Deutsch-Französische Jugendwerk bietet zahlreiche Programme kultureller, wissenschaftlicher und politischer Art an, die von den Schülerinnen und Schülern genutzt werden können. Die Kontaktmöglichkeiten mit Frankreich sind vielfältig und der Jugendaustausch mit Frankreich ist so intensiv wie mit keinem anderen Land.
Das Französische wird zudem in anderen Nachbarländern wie Belgien, Luxemburg und auch der Schweiz als Muttersprache gesprochen. Darüber hinaus ist das Französische Verkehrs- und Amtssprache in vielen Teilen der Welt. Zahlreiche internationale Organisationen kommunizieren traditionell in dieser Sprache. In diesem Kontext ist es erforderlich, dass sich der Französischunterricht bei der Ausbildung von kommunikativen Fertigkeiten und interkultureller Handlungsfähigkeit auf konkrete Anwendungsbezüge konzentriert.
Der vorliegende Kernlehrplan mit verbindlichen Standards trägt diesen Anforderungen besonders Rechnung. Die Weiterentwicklung des Französischunterrichts in der Sekundarstufe I ist deshalb gekennzeichnet durch
- die Stärkung der Anwendungsorientierung und des lebensweltlichen Bezugs im funktionalen Zusammenhang mit der Grundlegung eines wissenschaftsorientierten Arbeitens,
- die Stärkung der mündlichen Kommunikationsfähigkeit,
- die Erweiterung landeskundlicher Kenntnisse zu interkultureller Handlungskompetenz,
- die Internationalisierung fremdsprachlicher Standards, die sich an den Referenzniveaus des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen orientieren (GeR; Europarat – Rat für kulturelle Zusammenarbeit (2001), Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen, hrsg. v. Goethe-Institut Inter Nationes u. a., Langenscheidt: Berlin u. a. Der Text ist abrufbar unter: http://www.goethe.de/referenzrahmen),
- die Akzentuierung unterschiedlicher schulformspezifischer Leistungsprofile.
Um die Standards für eine Grundbildung im Fach Französisch zu erreichen, werden dem Französischunterricht die folgenden Leitziele zugrunde gelegt:
- Der Französischunterricht entwickelt systematisch funktionale kommunikative Kompetenzen im Spektrum der fremdsprachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten „Hörverstehen/Hör-Sehverstehen“, „Sprechen“, „Leseverstehen“, „Schreiben“ und „Sprachmittlung“.
- Diese Kompetenzen werden im Französischunterricht auf Verwendungssituationen im Alltag, in der Aus- und Weiterbildung sowie in Situationen der berufsorientierten Kommunikation bezogen.
- Der Französischunterricht entwickelt systematisch interkulturelle Kompetenzen; es werden Lerngelegenheiten bereitgestellt, damit die Schülerinnen und Schüler – auf der Basis eines Orientierungswissens zu exemplarischen Themen und Inhalten – Verständnis für andere kulturspezifische Denk- und Lebensweisen, Werte, Normen und Lebensbedingungen entwickeln und eigene Sichtweisen, Wertvorstellungen und gesellschaftliche Zusammenhänge mit denen frankophoner Kulturen tolerant und kritisch vergleichen können.
- Der Französischunterricht entwickelt systematisch methodische Kompetenzen für das Arbeiten mit Sachtexten und einfacheren literarischen Texten sowie mit Medien, für die aufgabenbezogene, anwendungsorientierte Produktion von gesprochenen und geschriebenen Texten, für Formen des selbstgesteuerten und kooperativen Sprachenlernens als Grundlage für den Erwerb von weiteren (Fremd-)Sprachen sowie für das lebenslange selbstständige (Fremd-)Sprachenlernen.
Der Französischunterricht ab Jahrgangsstufe 5 und ab Jahrgangsstufe 6 bereitet auch den bilingualen Sachfachunterricht an Schulen mit bilingualem deutschfranzösischem Unterricht vor und begleitet ihn. Er schafft ebenfalls die nötigen Voraussetzungen für bilinguale Module, in denen Französisch als Arbeits- und Kommunikationssprache phasenweise angewendet wird. Der Französischunterricht bahnt die nötigen sprachlichen, methodischen und interkulturellen Kompetenzen an, die das fach- und anwendungsorientierte Lernen der französischen Sprache im bilingualen Unterricht und in bilingualen Modulen ermöglichen.
Zur Sicherung vergleichbarer Qualitätsstandards enthält der vorliegende Kernlehrplan
- ein Anforderungsprofil für das Ende der Sekundarstufe I (Kapitel 2), das zugleich die fachlichen Voraussetzungen für die Fortsetzung des Französischunterrichts in Kursen der gymnasialen Oberstufe vorgibt,
- Beschreibungen der nachzuweisenden Kompetenzen für den Französischunterricht ab Jahrgangsstufe 6 (F6) und ab Jahrgangsstufe 8 (F8), die nach den Bereichen „Kommunikative Kompetenzen“, „Interkulturelle Kompetenzen“, „Verfügbarkeit von sprachlichen Mitteln und sprachliche Korrektheit“ und „Methodische Kompetenzen“ gegliedert sind, sowie Schwerpunktsetzungen für den Französischunterricht ab Jahrgangsstufe 5 (F5) (Kapitel 3),
- exemplarische Aufgabentypen (Kapitel 4),
- Ausführungen zur Leistungsbewertung (Kapitel 5).
Die Beschreibung der sprachlichen Kompetenzen orientiert sich am GeR (soweit in diesem verfügbar), der ein international anerkanntes, transparentes und kohärentes Bezugssystem in Form von verlässlichen Referenzniveaus definiert. Diese Referenzniveaus werden im vorliegenden Kernlehrplan ausdifferenziert und konkretisiert. (Die Niveaustufen des GeR sind im Anhang abgedruckt.)
Die im vorliegenden Kernlehrplan formulierten Standards sollen in einem Französischunterricht erreicht werden, der dazu beiträgt, individuelle Mehrsprachigkeitsprofile auszubilden. Der Französischunterricht in der Sekundarstufe I knüpft hierbei an die Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse sowie Einstellungen und Haltungen der Schülerinnen und Schüler an, die diese im Umgang mit Sprachen insgesamt und mit Englisch als Fremdsprache in der Grundschule und in der Sekundarstufe I erworben haben, und bildet seinerseits die Basis für das Erlernen von weiteren (Fremd-)Sprachen.
Dieser Zielsetzung liegen die folgenden didaktisch-methodischen Prinzipien für die Unterrichtsgestaltung zugrunde. Der Französischunterricht wird wesentlich durch die Prinzipien der Schülerorientierung, der Kommunikationsorientierung sowie der Themen- und Inhaltsorientierung bestimmt. Bezüglich der Auswahl von Lehr- und Lernmaterialien sowie bei der konkreten Ausgestaltung von Lernsituationen sind die Kriterien der Interkulturalität und der Authentizität vorrangig zu berücksichtigen. Zu beachten sind außerdem Verfahren zur Förderung des selbstreflexiven und selbstständigen Lernens, die die Individualisierung von Fremdsprachenlernprozessen unterstützen. Sozial- und Arbeitsformen werden adressaten- und altersangemessen umgesetzt. Das Prinzip der Einsprachigkeit wird als funktional einsprachige Unterrichtsgestaltung realisiert. Der lebensweltlichen ‚Mehrsprachigkeit’, die in den Klassenverbänden vorhanden ist, wird Rechnung getragen.
Die Formulierung verbindlicher Standards für das Fach Französisch in der Sekundarstufe I des Gymnasiums spiegelt den aktuellen Stand der Fachdiskussion über adressatenspezifische Ziele, Aufgaben und Organisationsformen des Fremdsprachenunterrichts wider. In diesem Sinne definieren sie begründete Qualitätsstandards.
Auszug aus dem Kernlehrplan Französisch für die fünfjährige Sekundarstufe I am Gymnasium, hrsg. vom Ministerium für Schule des Landes Nordrhein-Westfalen (14.06.2007). Den vollständigen Kernlehrplan erhalten Sie beim Ritterbach Verlag GmbH, Schriftenreihe "Schule in NRW". Alle Rechte für Druck und Vertrieb der Kernlehrpläne liegen beim Verlag.
