3. Kompetenzentwicklung und Lernprogression
3.1 Allgemeine fachspezifische Kompetenzen
Den Anforderungen des Faches Erdkunde werden Schülerinnen und Schüler am Ende der Sekundarstufe I gerecht, wenn sie über raumbezogene Handlungskompetenz verfügen. Die raumbezogene Handlungskompetenz im weiteren Sinne resultiert aus den miteinander verflochtenen Teilkompetenzen Sach-, Methoden-, Urteils- und Handlungskompetenz im engeren Sinne.- Sachkompetenz
Sachkompetenz umfasst die Beherrschung von allgemein- und regional-geographischen Kenntnissen über den sowohl von Naturfaktoren als auch von menschlichen Aktivitäten geprägten Raum und von Kenntnissen über die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Raum sowie damit verbundene Folgen. Die Beherrschung der entsprechenden Fachsprache sowie von themenbezogenen weltweiten Orientierungsrastern sind dafür notwendige Voraussetzungen.
- Methodenkompetenz
Methodenkompetenz zeigt sich in der Fähigkeit und Fertigkeit, sich gegenwärtig und zukünftig räumliche Strukturen und Prozesse unter thematisch allgemeingeographischem (nomothetischem) und regionalgeographischem (idiographischem) Zugriff zu erschließen. Dies erfolgt entweder mittelbar durch unterschiedliche Darstellungs- und Arbeitsmittel - einschließlich der informations- und kommunikationstechnologischen Medien - oder unmittelbar durch originale Begegnungen wie Befragungen oder Erkundungen. Die Methodenkompetenz umfasst auch die Fähigkeit, raumbezogene Sachverhalte themen- und adressatenbezogen verbal und graphisch angemessen darzustellen und sich räumlich zu orientieren.
- Urteilskompetenz
Urteilskompetenz zeigt sich in der Bereitschaft und Fähigkeit, räumliche Strukturen und Prozesse hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Gestaltung der aktuellen und zukünftigen Lebenswirklichkeit - gemäß dem jeweiligen Lernstand der Schülerinnen und Schüler - zu beurteilen sowie sich mit eigenen und fremden Positionen und den ihnen zugrunde liegenden jeweiligen Wertvorstellungen auseinanderzusetzen.
- Handlungskompetenz im engeren Sinne
Handlungskompetenz im engeren Sinne bezieht sich auf unterschiedliche unmittelbar zielgerichtete Handlungen der Lernenden. Durch produktives Gestalten, simulatives oder reales Handeln werden unterschiedliche Handlungsmuster erprobt. Das Verfügen über ein solches Handlungsrepertoire ist für eine verantwortungsbewusste Mitwirkung bei der Entwicklung, Gestaltung und Bewahrung von Räumen Voraussetzung.
3.2 Allgemeine Aspekte der Lernprogression
Eine erfolgreiche Lernprogression setzt fachliche, pädagogische und didaktische Überlegungen voraus, die darauf ausgerichtet sind, durch eine gezielte Auswahl von Inhalten, eine lernerbezogene methodische Gestaltung und angemessene Leistungsanforderungen den Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler kontinuierlich und systematisch zu fördern.Zur Erfüllung der Kompetenzerwartungen am Ende der Sekundarstufe I ist die Entwicklung von kognitiven Strukturen bei den Lernenden eine entscheidende Voraussetzung.
Dabei kommt es im Ergebnis auf die Strukturiertheit des Wissens und der kognitiven Operationen an, d. h. es geht ganz wesentlich um
- die elementaren inhaltlichen und methodischen Bereiche des Faches (fachliche Relevanz und Bedeutsamkeit),
- die Feinheit der Unterscheidungen (Differenziertheit) sowie
- die Anzahl der möglichen fachlichen und fachübergreifenden Verbindungen und Beziehungen (Integriertheit und Vernetztheit).
Ziel der unterrichtlichen Bemühungen ist es dabei, von einem Zustand noch wenig entwickelter kognitiver Strukturen - der z.B. durch die Tendenz zu Übergeneralisierungen, die Neigung zu stereotypen Urteilen sowie das Fehlen von begrifflichen Abgrenzungen und Unterscheidungen gekennzeichnet ist - hin zu einer höheren Strukturiertheit zu gelangen, die sich u.a. durch eine Vielfalt fein abgestimmter und abgewogener Einstellungs- und Beurteilungskategorien sowie Reaktionstendenzen, alternative Betrachtungsmöglichkeiten und die Fähigkeit zum Perspektivwechsel auszeichnet.
Neben der Entwicklung der kognitiven Strukturen geht es unter dem Aspekt der Lernprogression zugleich auch um die Entwicklung und Förderung sozial-interaktiver und emotionaler Strukturiertheit. Unterrichts- und Lernerfolg hängen in ganz entscheidendem Maße auch davon ab, wie im Verlauf des Bildungsgangs in der Sekundarstufe I kommunikative Kompetenzen (z.B. adressatenbezogen darstellen, erklären, argumentieren, zusammenfassen, zuhören, diskutieren), interaktive Lernverfahren (z.B. kooperieren, planen, organisieren, arbeitsteilig recherchieren, helfen und sich helfen lassen) sowie soziales und interkulturelles Verstehen (z.B. in Alternativen denken, eigene Gefühle artikulieren, Gefühle anderer wahrnehmen und bewerten, bereit zum Perspektivwechsel sein) gefördert und ausdifferenziert werden. Die Leitbegriffe Bedeutsamkeit, Differenziertheit und Vernetztheit beziehen sich also ebenso auf den Bereich der sozialen und emotionalen Lernentwicklung. Deshalb spielen insbesondere auch in den Fächern des gesellschaftswissenschaftlichen Lernbereichs solche unterrichtlichen Gestaltungsprozesse eine wichtige Rolle, die mit dazu beitragen, bei den Schülerinnen und Schülern soziale Wahrnehmungsfähigkeit, Empathie, Engagement, Partizipation sowie Mitgestaltung und Mitbestimmung in Unterricht und Schulleben sukzessive zu entwickeln.
Obwohl eine allgemeingültige Stufenfolge mit der Zuordnung zu Jahrgangsstufen für die Entwicklung kognitiver, sozial-interaktiver und emotionaler Strukturen auch angesichts der unterschiedlichen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler nicht eindeutig beschreibbar ist, lassen sich gleichwohl Schwerpunkte und Zugänge zu deren systematischer Entwicklung verdeutlichen. In diesem Zusammenhang sollen von der Klasse 5 bis zur Klasse 9 – ausgehend von dem am Ende der Klasse 4 erreichten Niveau – vor allem die folgenden Bereiche weiter entwickelt werden:
- der Umfang, die Differenziertheit und der Abstraktionsgrad des Wissens und dabei vor allem die Entwicklung von Fachbegriffen und elementaren Modellen zum Erfassen und nachhaltigen Verstehen von Zusammenhängen;
- der Umfang und die Differenziertheit der kognitiven Operationen (methodische Verfahren, Denkvorgänge), wie sie z.B. bei der Beschreibung eines Sachverhaltes, dem Vergleich und der Einordnung verschiedener Elemente des Wissens und der Bewertung eines Tatbestandes oder Problemgehaltes deutlich werden können;
- die Vernetztheit und der Transfer von Wissen und kognitiven Operationen mit Konsequenzen für Meinungsbildung, Einstellungen und Motive eines Menschen;
- die selbstständige Ausdifferenzierung und kontinuierliche Nutzung medialer und methodischer Arbeitsweisen im Hinblick auf neue und immer komplexere fachliche Problem- und Aufgabenstellungen;
- die Ausweitung des sozial-interaktiven Repertoires an kooperativen, kommunikativen und sozial integrierenden Arbeitsformen;
- der Grad der Reflexion emotionaler Bedingungen bei der Bearbeitung und Beurteilung von Sachverhalten (emotionale Betroffenheit), in schulischen Lernarrangements (Engagement, Interesse, Bereitschaft zur Kooperation) sowie in fachlichen und gesellschaftlichen Kontexten (Empathie, Perspektivwechsel);
- das Verständnis für die Bedeutung der eigenen Urteils- und Handlungsfähigkeit und die damit verbundenen Möglichkeiten zur Mitgestaltung und Verantwortungsübernahme.
Die Orientierung an einer entsprechend für die Doppeljahrgangsstufe 5/6 sowie die Klassen 7 bis 9 konkretisierten Lernprogression dient in diesem Kontext als Steuerungsvorgabe für den Unterricht in den Fächern des Lernbereichs Gesellschaftslehre in der Sekundarstufe I.
3.3 Lernprogression im Fach Erdkunde
Aufbauend auf dem Sachkundeunterricht der Grundschule führt das Fach Erdkunde das dort Vorbereitete fort, vertieft und erweitert es, um die Lebenswirklichkeit immer stärker in ihrer Vielschichtigkeit unter fachlichen Perspektiven zu erfassen. Der Erdkundeunterricht in der Erprobungsstufe berücksichtigt die für diese Altersgruppe spezifischen Fähigkeiten wie Phantasie, Kreativität und sprachliche Unbefangenheit. Er muss den Schülerinnen und Schülern Raum geben, sich mit Neugier und Anteilnahme erdkundliche Themen zu erschließen.Im Verlauf des Fachunterrichts in der Sekundarstufe I geht es nicht nur um eine quantitative (zunehmende Zahl der im Raum beobachteten und beschriebenen Phänomene), sondern auch um eine qualitative Ausweitung (zunehmende Komplexität und Abstraktion). Im Zuge dieses Prozesses lernen die Schülerinnen und Schüler, fachspezifische Sicht- und Vorgehensweisen zu nutzen. Aus der verstärkten Hinwendung zu komplexeren und abstrakteren Sachverhalten entsteht die Notwendigkeit, Fachbegriffe einzuführen, anzuwenden und sie in einem Begriffsnetz zueinander in Beziehung zu setzen.
Die Bereitschaft nach vertiefter Beschäftigung mit räumlichen Strukturen und Prozessen kann der Erdkundeunterricht insbesondere dadurch fördern, dass Inhalte des Faches altersgerecht, d.h. zu Beginn vor allem anschaulich und von konkreten lebensweltlichen Bezügen ausgehend, aufbereitet werden. Die Schülerinnen und Schüler lernen so gemäß ihrem Lebens- und Lernalter den Menschen besonders in seiner räumlichen Bedingtheit, als Individuum und als Gemeinschaftswesen kennen, das räumliche Strukturen nutzt und verändert sowie raumrelevante Prozesse initiiert. Auf diesem Weg können sie zunehmend räumliche Wirklichkeit „erfassen“, „verstehen“ und „erklären“.
Über Einsichten in einfache Beziehungsgefüge wird in der Erprobungsstufe Verständnis für funktionale, kausale, genetische und prozessuale Betrachtung der Wechselwirkungen zwischen Naturfaktoren und menschlichen Aktivitäten angebahnt, um dieses bis zum Ende der Sekundarstufe I zu erweitern und zu vertiefen. Der Erwerb grundlegender Kompetenzen ermöglicht den Einstieg in das wissenschaftspropädeutische Arbeiten in der gymnasialen Oberstufe. Systematisierung und Verallgemeinerung von Kenntnissen, das vernetzende Denken sowie die Arbeit mit einfachen Modellen gewinnen im Verlauf der Sekundarstufe I zunehmend an Bedeutung; auf diese Weise werden grundlegende Zusammenhänge globaler räumlicher Strukturen, Verflechtungen und Prozesse erfasst. Der selbstständigen Anwendung der Arbeitsschritte zur Informations- und Erkenntnisgewinnung mit Hilfe von Darstellungs- und Arbeitsmitteln - den fachrelevanten Arbeitsweisen - fällt in allen Bereichen immer größeres Gewicht zu.Die prozessuale und funktionale Betrachtungsweise gewinnt gegenüber der überwiegend physiognomischen in der Erprobungsstufe im Verlauf der Sekundarstufe I zunehmend an Bedeutung.
