Projektkurse SII

Projektkurs im Rahmen medialer Erziehung

Thema des Projektkurses:

"Tatfunk: Produktion einer Radiosendung"

Franz-Haniel-Gymnasium
Wilhelmstr. 25
47198 Duisburg

 

9.1.1. Formaler Projektrahmen

Im Projekt „Tatfunk“ erhalten Oberstufenschülerinnen und -schüler den Auftrag, im Verlauf eines Schuljahres eine eigene Radiosendung zu entwickeln und zu produzieren, die von einem lokalen Radiosender ausgestrahlt werden soll. Neben den Grundlagen des Radio-Journalismus erlernen die Schüler dabei, ein Projekt von Beginn an selbst zu planen, ihre Ideen umzusetzen und die Ergebnisse der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Schülerinnen und Schüler planen also ihr Schuljahr selbst, organisieren die Teamarbeit und arbeiten als Projektteam zusammen. Die Lehrkraft übernimmt die Rolle eines Moderators – fachliche Unterstützung bietet ein externer Berufsexperte, der sogenannte Mediencoach. Das Budget für den Mediencoach erhält die Schule nach der Bewilligung eines Projektantrages durch das LVR-Zentrum für Medien. Welches Ziel sich die Schülerinnen und Schüler auch setzen, ob Reportage, Feature oder Magazinsendung, sie müssen mit einem Projektantrag eine Fachjury überzeugen. Sind Thema, Zeitplan und Finanzkalkulation realistisch, bekommt jede Schülergruppe ein kleines Budget überwiesen, mit dem sie ihr Radioprojekt verwirklichen kann. Beim Radiomachen erlernen die Schülerinnen und Schüler auf diese Weise Grundkompetenzen unternehmerischen Denkens und Handelns. Das Projekt Tatfunk lässt sich an unterschiedliche Referenzfächer anbinden. Leitfach ist in der Regel das Fach Deutsch; je nach Thematik der Sendung sind weitere Referenzfächer möglich.

Referenzfach Deutsch

Das radiojournalistische Arbeiten bildet einen Schwerpunkt des Projektes: In Zusammenarbeit mit einem Experten, dem Mediencoach, lernen die Schülerinnen und Schüler verschiedene Darstellungsformen dieses Mediums kennen: Die Spezifika von Reportagen, gebauten Beiträgen, Expertengesprächen, Interviews u.a. werden zunächst erläutert und später im eigenen Beitrag umgesetzt. Dabei erlernen die Schülerinnen und Schüler Methoden, um adressatenbezogen für Radiohörer schreiben zu können. Diese Form des Schreibens grenzt sich klar von der gängigen Arbeit im Deutschunterricht ab, da hier andere Anforderungen gestellt sind, die Aufmerksamkeit eines meist jungen Hörerpublikums zu gewinnen; als Stichworte seien hier nur die besondere Stellung des Verbes im Satz sowie der eher verknappte Satzbau, der zuweilen durchaus elliptisch sein darf, genannt.

Weitere Referenzfächer

Im Projekt „Tatfunk“ wählen Schülerinnen und Schüler das Thema ihrer Sendung grundsätzlich selbst. Damit bietet das Projekt „Tatfunk“ vielfältige Anbindungsmöglichkeiten, die zu Beginn eines jeden Projektes ausgelotet werden müssen. Im hier vorgestellten Projekt mit dem Thema „Loveparade: Highway to Love or Highway to Hell?“ erfolgt eine zusätzliche Anbindung an das Fach Sozialwissenschaften.

Neben der Anbindung an die Referenzfächer erfolgt im Projekt „Tatfunk“ auch eine intensive Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern.

Außerschulische Partner

Das Projekt Tatfunk wurde 2002 von der Eberhard von Kuenheim Stiftung der BMW AG ins Leben gerufen. Nach einer Pilotphase und abschließender Evaluierung läuft das Projekt mittlerweile in mehreren Bundesländern. In Nordrhein-Westfalen organisiert und koordiniert das LVR-Zentrum für Medien und Bildung das Projekt. Finanziell wird Tatfunk durch die Landesanstalt für Medien NRW und die Haniel Stiftung unterstützt. Im Rahmen des durchgeführten Projektes arbeitete das Franz-Haniel-Gymnasium mit dem Lokalsender Radio Duisburg zusammen.

Neben der Ausstrahlung bei Radio Duisburg wird die Sendung auch als Wettbewerbsbeitrag bei der Eberhard von Kuenheim Stiftung eingereicht. Dort bewertet und prämiert eine professionell zusammengesetzte Jury die verschiedenen Radiosendungen. Der Wettbewerbscharakter stellt dabei einen zusätzlich motivierenden Faktor für die Arbeit im Projektkurs dar.

 

9.1.2. Projektziele, Teilprojekte und Kompetenzen

„Tatfunk“ ist selbstgesteuerter, kooperativer und mediengestützter Projektunterricht, der die Förderung radiojournalistischer Fähigkeiten sowie des unternehmerischen Denkens und Handelns in der Schule zum Ziel hat. Innerhalb dieses Gesamtziels verfolgt das Projekt verschiedene operative Ziele, die sich einerseits auf der individuellen Ebene der beteiligten Schüler und Schülerinnen und anderseits auf der Ebene des Unterrichts und des Gesamtprojekts verorten lassen. Teilziele vor diesem Hintergrund sind die Anregung von Eigeninitiative, die Befähigung zur Teamarbeit, die Entwicklung von Planungsfähigkeiten, die Förderung von Kreativität, die Zusammenarbeit mit Experten sowie die Berücksichtigung von Abnehmerinteressen.

Das Projekt „Tatfunk“ verfügt nicht über Teilprojekte im engeren Sinne, da alle Schülerinnen und Schüler an der Produktion der gleichen Radiosendung mitarbeiten. Gleichwohl werden unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte gebildet, wobei unterschiedliche Teilgruppen an thematisch verschiedenen Sendebeiträgen arbeiten. Des Weiteren lässt sich zwischen verschiedenen Funktionen („Ämtern“) mit unterschiedlichen Aufgaben unterscheiden:

Chef vom Dienst/Stellvertretender Chef vom Dienst

  • behalten den Projektablauf im Blick: gleichen den Soll- und Ist-Arbeitsstand ab, machen ggf. auf Fristüberschreitungen aufmerksam, fordern ggf. Arbeitsprodukte ein,
  • leiten Redaktionssitzungen: z. B. zur Besprechung des Projektantrages etc., zur Planung der Arbeit, zur Besprechung von Beitragskonzepten und Umsetzungsmöglichkeiten,
  • reagieren auf Krisen und Konflikte.

Finanzverwalter

  • verfassen den Finanzbericht für den Projektantrag sowie den Zwischen- und Abschlussbericht (Rechenschaftsbericht gegenüber dem LVR),
  • erhalten und verwalten das Schülerbudget: Sie sammeln Quittungen und zahlen die ausgegebenen Beträge an ihre Mitschüler aus,
  • tragen dafür Sorge, dass die finanziellen Mittel ausschließlich im Sinne des „Tatfunkvertrages“ ausgegeben werden und dokumentieren dies.

Marketingleiter

  • nehmen Kontakt auf zu geeigneten Radiosendern und sorgen für den Erwerb eines geeigneten Sendeplatz,
  • nehmen Kontakt auf zum LVR-Zentrum für Medien und Bildung zur Vergabe des „Radioführerscheins“,
  • machen den Sendetermin bekannt,
  • nutzen verschiedenste Medien zu Werbezwecken,
  • verkaufen ggf. die fertiggestellten Sendung (z. B. bei Schulveranstaltungen wie dem Tag der offenen Tür etc..

Journalisten

Jeder Schüler muss in einer Gruppe an der Erstellung eines einzelnen Sendungsbeitrages mitwirken, dazu gehören die folgenden Arbeitsschritte:

  • Ausarbeitung des Themas, Schwerpunktsetzung, Ideensammlung,
  • Recherche und inhaltlichen Überblick verschaffen,
  • Kontakt zu Interviewpartnern etc. herstellen, Aufnahmetermine vorbereiten und durchführen,
  • Aufnahmen vorbereiten und Interviews führen,
  • Materialien in das Schneideprogramm einspielen, sichten und für den Beitrag geeignete Stellen auswählen,
  • Skript für den Beitrag verfassen: Abstimmung von Aufnahmen und eigenen Wortbeiträgen,
  • eigene Wortbeiträge einsprechen,
  • Schnitt des Beitrags,
  • An- und ggf. Abmoderation verfassen.

Innerhalb des Projekts sind Kompetenzen in verschiedenen Dimensionen zu erreichen:

Selbstkompetenz

Die Schülerinnen und Schüler
  • zeigen Eigeninitiative,
  • handeln zielorientiert,
  • verfügen über Strategien der Stress- und Konfliktbewältigung,
  • zeigen sowohl Verantwortungs- als auch Risikobereitschaft,
  • entwickeln Kritikfähigkeit.

Kooperationskompetenz

Die Schülerinnen und Schüler
  • arbeiten und kommunizieren miteinander,
  • integrieren sich produktiv in die Gruppenarbeit,
  • übernehmen innerhalb ihrer jeweiligen Gruppe Führungsverantwortung.

Fachkompetenz

Die Schülerinnen und Schüler
  • wählen ein hörernahes Thema aus,
  • bereiten geeignetes Material auf,
  • erwerben Kenntnisse über verschiedene Darstellungsformate des Radiojournalismus,
  • trainieren radiojournalistisches Schreiben und Sprechen,
  • schulen ihr Ausdrucks- und Aussprachevermögen,
  • erarbeiten eine Sendung mit abwechslungsreichen Beiträgen und einem klaren roten Faden,
  • setzen die Beiträge inhaltlich und technisch angemessen um.

Methodenkompetenz

Die Schülerinnen und Schüler
  • führen Zielanalysen durch,
  • erstellen Arbeits-, Zeit- und Budgetplanung,
  • steuern das Projekt,
  • überwachen den Projektverlauf und modifizieren ihn ggf.

 

9.1.3. Umsetzungsschritte / Durchführung

Die Produktion einer Radiosendung in einem Zeitraum von einem Schuljahr stellt für die Schülerinnen und Schüler eine herausfordernde Aufgabe dar. Insbesondere das erforderliche planvolle Vorgehen über einen so langen Zeitraum steht im deutlichen Kontrast zum herkömmlichen Unterricht im 45-Minuten-Takt. Obgleich für den Kurs zwei Wochenstunden fest im Stundenplan verankert sind, kann es sinnvoll sein, in einzelnen Arbeitsphasen zeitlich flexibel zu sein. Vor diesem Hintergrund erfordert der Kurs ein gutes Projektmanagement der Beteiligten, um zu einem vereinbarten Termin das Endprodukt vorlegen zu können.

Im Einzelnen gliedert sich das Projekt in die folgenden Phasen:

Planungsphase

  • Allgemeines Reportertrainung
  • Zuweisung der Arbeitsgruppen
  • Erstes Treffen mit dem Mediencoach - mögliche Themen:
    • radiojournalistisches Arbeiten
    • Darstellungsformate
    • Themensammlung

Entstehungsphase

  • Festlegung des Themas der Sendung
  • Verfassen des Projektantrags an das LVR-Zentrum für Medien und Bildung
  • Beginn der Recherchen
  • Zweites Treffen mit dem Mediencoach: Radioformate
  • Einspielung von Aufnahmen
  • Moderatorenauswahl
  • Musikkonzept
  • Verfassen des Zwischenberichts und Übersendung an das LVR-Zentrum für Medien und Bildung

Fertigstellungsphase

  • Sichtung und Bearbeitung aller Aufnahmen
  • Erstellung eines Skripts
  • Schnitt der einzelnen Beiträge
  • Moderatoren sprechen ihren Text ein
  • endgültige Auswahl der Musikbeiträge
  • Hörprobe
  • Schnitt/Verfeinerung der endgültigen Sendung
  • Verfassen des Abschlussberichts
  • Einsendung der fertigen Sendung und Übersendung des Abschlussberichtes an das LVR-Zentrum für Medien und Bildung

 

9.1.4. Projektergebnisse: Produkt, Dokumentation

Das Projekt „Tatfunk NRW“ mündet in eine ca. einstündige Radiosendung. Neben dem eigentlichen Produkt, der Sendung, werden die Ergebnisse schriftlich festgehalten: In einem Zwischen- und einem Abschlussbericht reflektieren die Schülerinnen und Schüler selbstkritisch ihre eigene Arbeit in der Gruppe sowie die Projektplanung und geben Auskunft zu Inhalt, Sendekonzept und Finanzierung des Gesamtprojekts. Am Ende entsteht eine CD mit einem eigens entworfenen Cover. Das Endprodukt wird idealerweise in der Schule präsentiert und öffentlich auch im Rahmen des Bürgerfunks im Lokalsender NRW ausgestrahlt. Darüber hinaus kann die Sendung beim deutschlandweiten Tatfunk-Wettbewerb der Eberhard von Kuenheim Stiftung eingereicht werden.

ProjektphaseProduktbeispiel

 Planungsphase

Auszug aus einem Projektantrag

 Entstehungsphase

Auszug aus einem Zwischenbericht

Fertigstellungsphase

Vorbereitung und Skript: Hintergrundbericht zur Geschichte der Loveparade

Hörbeispiel 1: Hintergrundbericht zur Geschichte der Loveparade

Hörbeispiel 2: Absage der Loveparade in Bochum

Hörbeispiel 3: Sex und Profit in den Medien

 

9.1.5. Leistungsbewertung

Das Projekt „Tatfunk“ verfolgt vielfältige Ziele, die bei der Leistungsbewertung angemessen berücksichtigt werden müssen. Aus diesem Grund werden zur Überprüfung der oben genannten Kompetenzen verschiedene Instrumente der Leistungsmessung eingesetzt. Um für die Schülerinnen und Schüler eine hinreichende Transparenz zu schaffen, sollen diesen die Beurteilungsbereiche und Bewertungskriterien zu Beginn der Projektarbeit vorgestellt und erläutert werden. Diese Offenlegung der Bewertungskriterien ermöglicht es darüber hinaus, in einen Diskurs mit den Schülerinnen und Schülern über die Qualität der Arbeitsprozesse und Produkte einzutreten. Im Einzelnen wurden im Projekt folgende Instrumente der Leistungsmessung verwendet:

Sonstige MitarbeitDokumentation
  • Individuelle Projektbeiträge in Form von Berichten, Skripten, Teilprodukten (u.a. Qualität, Quantität, Originalität, Ideenreichtum)
  • Mitarbeit in Redaktionssitzungen (u.a. Kommunikations- und Kooperationskompetenz, Konstruktivität)
  • Mitarbeit in Arbeitsgruppen und Workshops (u.a. Eigeninitiative, Konfliktfähigkeit)
  • Arbeitsergebnisse im Rahmen der Ausübung von „Ämtern“ (u.a. Zuverlässigkeit und Verantwortlichkeit)
  • Kursarbeit
  • Produkt (Sendebeiträge)

 

9.1.6. Kursevaluation

Den größten Lernzuwachs erlangen Schülerinnen und Schüler sicherlich im Bereich des radiojournalistischen Arbeitens, da dies in fast allen Stunden im Fokus des Unterrichts steht. Über den traditionellen Deutschunterricht hinaus lernen die Schüler hier einen kreativen wie facettenreichen Umgang mit der Sprache kennen. Wird ein junges Publikum als Zielgruppe ausgewählt, setzt der bewusste Einsatz des  jugendsprachlichen Jargons weitere motivationale Impulse. Einige Schüler berichteten, dass sie das Medium Radio und seine besonderen Darstellungsformen auch nach Ablauf des Projektes bewusster und reflektierter wahrnehmen. Nicht zuletzt erhielten Schüler durch die Teilnahme am Tatfunkkurs Anregungen für ihre Berufswahl. 

Im Rahmen des Projektmanagementes erlernen Schüler – neben Selbstorganisation und Eigenverantwortung – insbesondere Teamfähigkeit, da die Radiosendung gemeinsam im Plenum geplant wird. Bei diesen Sitzungen werden Konflikt- und Stressbewältigungsstrategien entwickelt. Die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern stellt eine weitere Besonderheit des Projektes dar. Insbesondere die Unterstützung durch den Mediencoach wird sowohl von den Schülern als auch von den Lehrern als hilfreich und anregend eingeschätzt. Grundsätzlich gilt zu beachten, dass bei Kooperationen mit externen Partnern die schulischen Belange und Interessen im Zentrum der gemeinsamen Arbeit stehen. 

Schüler bewerten das Projekt "Tatfunk" überwiegend sehr positiv. Dabei erleben sie insbesondere die Freiräume als gewinnbringende Herausforderung.

 

9.1.7. Materialien

  1. Homepage des Tatfunk-Projekts bei der Eberhard von Kuenheim Stiftung
  2. Teilnahmebedingungen am Tatfunkwettbewerb der von Kuenheim Stiftung
  3. Auszug aus einem Projektantrag
  4. Auszug aus einem Zwischenbericht
  5. Plakate zu radiojournalistischen Darstellungsformen
  6. Vorbereitung und Skript: Hintergrundbericht zur Geschichte der Loveparade
  7. Hörbeispiel 1: Hintergrundbericht zur Geschichte der Loveparade
  8. Hörbeispiel 2: Absage der Loveparade in Bochum
  9. Hörbeispiel 3: Sex und Profit in den Medien